Mobilitätsherausforderung
Der öffentliche Verkehr wird häufig als technisch sicheres System betrachtet. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass Unsicherheitsgefühle in erster Linie durch soziale Interaktionen und nicht allein durch die Infrastruktur geprägt werden. Insbesondere Frauen, queere Personen, Menschen mit Migrationsgeschichte sowie junge Fahrgäste sind von Verhaltensweisen wie Anstarren, Verfolgen, verbaler Belästigung sowie rassistischer oder sexistischer Sprache betroffen. Studien zeigen übereinstimmend, dass Angst auch ohne physische Gewalt entstehen kann und zu Vermeidung, erhöhter Wachsamkeit sowie langfristigen Veränderungen des Mobilitätsverhaltens führt.
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen verbindet unser Projekt qualitative Interviews in München mit Umfragedaten, um zu untersuchen, wie alltägliche Begegnungen, Machtungleichgewichte und das Ausbleiben von Interventionen durch Umstehende das subjektive Sicherheitsempfinden untergraben und den gleichberechtigten Zugang zum öffentlichen Verkehr einschränken.
Zentrale Erkenntnisse
Unsicherheit im öffentlichen Verkehr wird vor allem durch alltägliche soziale Interaktionen geprägt, weniger durch physische Gewalt. Angst entsteht häufig durch Antizipation und Machtungleichgewichte. Frauen, LGBTQ+-Personen und Nutzer*innen mit Migrationsgeschichte erleben ein höheres Unsicherheitsgefühl, was zu Meidung von Fahrten in der Nacht und zu eingeschränkter Selbstständigkeit führt. Verantwortung für Sicherheit wird dabei oft auf Einzelne verlagert, während bestehende Massnahmen zu wenig genutzt werden. Die Munich Youth Mobility Survey zeigt, dass nur rund 15 % der Befragten die Haltestellen-auf-Wunsch-Option kennen und etwa 36 % der Frauen sowie gender-diversen Befragten den Frauen-Nacht-Taxi-Gutschein nicht kennen.
Verbale Belästigung und rassistische Sprache können nachhaltige Angst erzeugen, auch wenn keine physische Gewalt stattfindet. Der Vorfall zeigt, wie Einschüchterung und das Ausbleiben von Interventionen alltägliche Mobilitätsentscheidungen verändern. Den vollständigen Comic 1 finden Sie hier.
Anhaltendes Anstarren und Verfolgen sind frühe Warnsignale von Unsicherheit. Diese Geschichte zeigt, wie sich Angst durch Unsicherheit verstärkt und wie verzögerte Interventionen das Risiko erhöhen. Den vollständigen Comic 2 finden Sie hier.
Dieser Fall zeigt, wie Grenzverletzungen und Isolation im öffentlichen Raum zu Panik, Fluchtverhalten und einem Vertrauensverlust in den öffentlichen Verkehr führen können – auch bei Fahrten am Tag. Den vollständigen Comic 3 finden Sie hier.
Machtungleichgewichte und aggressives Verhalten von Autoritätspersonen können Angst verstärken, insbesondere wenn Kommunikation scheitert. Die Geschichte wirft Fragen nach Verantwortlichkeit, der Rolle von Umstehenden und angemessenen Formen der Intervention auf. Den vollständigen Comic 4 finden Sie hier.
Lösungsvorschläge
1. Bestehende Optionen im Falle von Unsicherheit
Notruftasten befinden sich in Bussen und S-Bahn-Zügen neben den Türen.
In der U-Bahn sind Notruftasten zusätzlich unter den Notbremsen angebracht.
Durch das Drücken der Taste werden Sie mit der Leitstelle der MVG verbunden.
In S-Bahn-Zügen und Bussen erfolgt die Verbindung direkt mit dem Fahrpersonal.
Schildern Sie, was passiert ist; die Leitstelle oder das Fahrpersonal leitet Hilfe ein oder organisiert weitere Unterstützung.
Notrufsäulen sind an U-Bahn-Stationen verfügbar.
Durch das Drücken der Taste werden Sie mit der Leitstelle der MVG verbunden.
Nach dem Verbindungsaufbau geben Sie bitte klar an, wo Sie sich befinden und was passiert ist.
Die Notrufsäulen sind mit Kameras ausgestattet.
Wenn Sie Ihren Standort mitteilen, kann die Leitstelle auf die Kamera oberhalb der Säule zugreifen und Sie sowie Ihre Umgebung sehen.
An großen S-Bahn-Stationen gibt es besetzte Service- und Informationsschalter.
Wenn Sie Hilfe benötigen, wenden Sie sich direkt an das Personal vor Ort.
Verfügbar in allen Bürgerbüros in München
Um einen Gutschein zu erhalten, müssen Sie eines der folgenden Dokumente vorlegen: Studierendenausweis, Schülerausweis, Rentenausweis, Schwerbehindertenausweis, München-Pass oder IHK-Auszubildendenausweis.
Anspruchsberechtigt sind: Frauen, trans Frauen, Frauen mit diversen Geschlechtsidentitäten sowie nicht-binäre Frauen.
Wert: 10 € pro Gutschein
Gültig: zwischen 22:00 Uhr und 6:00 Uhr
Verfügbar auf allen Buslinien ab 23:00 Uhr.
So funktioniert es: Gehen Sie zum Fahrpersonal und teilen Sie mit, wo Sie aussteigen möchten.
Der Bus kann zwischen den regulären Haltestellen an einem sicheren Ort anhalten.
Up to 15 double patrols are active across U-Bahn stations.
You can always approach them if you need help.
Their role is to support passengers and maintain security.
If other options are not available, you can always call:
110: police (crime or immediate danger)
112: medical services and firefighters
112 is not only for fires; it also applies if you are injured and need medical help.
The two emergency centers coordinate with each other if both police and medical services are required.
When calling, clearly answer: Where are you? What happened? Are there any injuries? How many people are injured? Wait for a response and further questions.
This list contains links and numbers where you can reach out for advice and support. Access here.
2. Maßnahmen, die Sie als Zuschauer ergreifen können
Achten Sie auf Ihre Umgebung: Nehmen Sie Situationen wahr, die Unbehagen auslösen können, etwa wenn jemand verfolgt, angestarrt oder verbal belästigt wird.
Sprechen Sie die betroffene Person an: Eine einfache Frage wie „Alles okay?“ oder „Brauchen Sie Hilfe?“ kann Angst reduzieren und Unterstützung signalisieren.
Setzen oder stellen Sie sich in die Nähe der betroffenen Person: Ihre physische Präsenz kann unerwünschtes Verhalten abschrecken und dazu beitragen, dass sich die Person weniger allein fühlt.
Bieten Sie verbale Unterstützung an: Sprechen Sie ruhig und selbstbewusst, sofern es sich sicher anfühlt, zum Beispiel indem Sie ein neutrales Gespräch mit der betroffenen Person beginnen.
Schaffen Sie bei Bedarf eine Ablenkung: Nach dem Weg fragen oder absichtlich etwas fallen lassen kann die Situation unterbrechen, ohne eine direkte Konfrontation einzugehen.
Informieren Sie Fahr- oder Sicherheitspersonal: Wenden Sie sich an das Fahrpersonal, Kontrolleure oder Stationspersonal, wenn Sie eine Situation beobachten, die die Sicherheit einer Person gefährdet.
Bleiben Sie in der Nähe, bis sich die Situation sicher anfühlt: Ihre Anwesenheit kann helfen, sicherzustellen, dass die betroffene Person nicht allein gelassen wird und das Fahrzeug oder die Station sicher verlassen kann.
Hinweis: Bitte interagieren Sie nur dann direkt mit der angreifenden oder belästigenden Person, wenn Sie sich dabei selbst sicher und wohl fühlen.
3. Maßnahmen, die Sie als betroffene Person ergreifen können
Wechseln Sie den Sitzplatz, Wagen oder in einen besser einsehbaren Bereich: Wählen Sie Orte mit mehr Menschen, besserer Beleuchtung oder in der Nähe des Fahr- oder Sicherheitspersonals.
Positionieren Sie sich in der Nähe anderer Fahrgäste oder des Personals: Die Nähe zu anderen kann das Gefühl von Isolation verringern und das Sicherheitsempfinden erhöhen.
Nutzen Sie bei Bedarf Notruftasten oder Gegensprechanlagen: Diese stellen eine direkte Verbindung zum Fahrpersonal oder zur Leitstelle her und ermöglichen schnelle Unterstützung.
Rufen Sie jemanden an oder schreiben Sie eine Nachricht: Der Kontakt zu einer vertrauten Person kann helfen, sich weniger allein und sicherer zu fühlen.
Verlassen Sie das Fahrzeug an einer gut beleuchteten oder belebten Haltestelle: Wenn möglich, steigen Sie dort aus, wo andere Menschen anwesend sind und Hilfe leichter verfügbar ist.
Passen Sie Route oder Zeitpunkt an, wenn sich eine Situation unsicher anfühlt: Das Meiden bestimmter Orte oder Zeiten kann kurzfristig die Sicherheit erhöhen, insbesondere nachts.
Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl und priorisieren Sie Ihre persönliche Sicherheit: Sie brauchen keinen Beweis, um zu handeln – wenn sich etwas falsch anfühlt, ist es in Ordnung, sich aus der Situation zu entfernen.
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Zur Erstellung der Comics wurde mit einer KI gearbeitet.
Kontakt
Autor*innen: Amin Wisal Khan, Bernhard Begert, Kanz Ul Eman Syeda
Die Studierenden sind für den Inhalt ihrer Seminararbeiten verantwortlich. Die Betreuung erfolgte durch David Duran Rodas, Maria Jose Zuniga und Lea S. Zuckriegl. Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Lea S. Zuckriegl (lea.zuckriegl@tum.de).




